Charles Jakob tritt als Stadionsprecher zurück

30.06.2022 09:51

Am 1.Juli 2022 beginnt kalendermäßig die neue Saison, und in dieser werden wir leider auf eine uns seit vielen Jahren liebgewonnene Institution bei Heimpsielen verzichten müssen. Da hat auch oftmaliges Zureden nicht viel genützt. Unser lieber Charles äußert sich persönlich.

Der leise Abschied des Lautsprechers*
(*mit freundlicher Genehmigung von J. Schwarz)

Sehr geehrte Damen und Herren, hochverehrte Sportfreunde, meine lieben Grünbühler !

"Herzlich willkommen im Stadion an der Pregelstraße zu Grünbühl…." So schallte es mehr als 17 Jahre (2003 bis 2020) bei allen Heimspielen, Freundschaftsspiele meist ausgenommen, zur Freude vieler und zum Leidwesen einiger weniger über Grünbühls Rasenplätze und auch Straßen dieses schönsten Stadtteils Ludwigsburgs, manchmal bis hin zum Nachbarn Pattonville !

Doch nun ist Schluß ! Damit soll nicht die Hoffnung erweckt werden, daß es ruhiger wird, aber ich werde es nicht mehr sein, der die Lautsprecher zum Klingen bringt !

Im April des Jahres 2003, in dem "mein" TSV den 50sten Jahrestag feierte, durfte ich im entscheidenden Spiel um den Aufstieg in die Kreisliga A gegen den TV Neckarweihingen zum ersten Mal durch das drahtlose Mikrofon einer Lautsprecheranlage schreien. Die hatte Vizepräsident Josef Scherer organisiert. Sie bestand aus einem Monacor Verstärker, mono, mit 45 Watt Ausgangsleistung, drei Musikhörnern (obwohl die Musik daraus grauenvoll klang) und einem drahtlosen Mikrofon-Set von Philips.

Der erste Spielername, der über die Lautsprecher ging, war der des Torschützen zum 1:0, Tolga Adiyman. Es folgten die Namen der anderen Torschützen, Alexander Hoffart und Davide Saponaro, das Spiel endete 3:1. Nach dem Abpfiff startete eine von Pressewart Walter Heger organisierte Spontanfete.

In den folgenden Jahren durfte ich zahllose Spieler-, Trainer-, Schiedsrichter-, Betreuernamen und Falschparker ausrufen, durfte Meisterschaftsspiele in Kreisliga und Bezirksliga ansagen, war bei dramatischen Pokalspielen und natürlich bei den beiden Aufstiegen in die Bezirksliga am Mikro, aber auch bei Randalen mit Spielabbruch ! Höhepunkte waren jedes Jahr die internationalen Jugendturniere während der Sportwoche. Im März 2015 wurde eine neue, leistungsstarke Anlage in Betrieb genommen, die alte hatte ausgedient. Seither werden die Spieler auf einer Woge von Musik auf den Platz getragen, und mich hörte man wahrscheinlich bis Acapulco.

Nicht immer haben meine Ansagen den richtigen Ton getroffen, manch Gegner fühlte sich nicht ernst genug genommen, eigene Fans habe ich vielleicht mal verärgert, manchmal war ich nicht immer auf der Höhe des Geschehens, speziell an dunklen, regnerischen Wintersonntagen und gelegentlich spielte die Technik nicht mit. Alles in allem aber hat diese Zeit unheimlich viel Spaß gemacht, und ich habe aus den Sonntagnachmittagen fast genau so viel Selbstbewusstsein gesaugt wie ein Bayern-Fan samstags aus einem Bundesligasieg.

Ich will jetzt nicht alles auf die Pandemie schieben, schließlich hatte ich mir Ende 2020 sogar den grauen Star operieren lassen, um die Spielzüge unserer Lieblinge wieder in voller Schärfe sehen zu können, aber die langen Coronapausen zeigten nicht nur bei mir Wirkung. Zuerst wurde Fußball gar nicht gespielt, dann durften die Profiligen unter Ausschluss der Öffentlichkeit wieder ran. Fußball fand weitestgehend am TV statt, ohne Stimmung, wurde nebenbei konsumiert, andere Dinge wurden wichtiger. Da in diesen Zeiten wegen untersagter Präsenz wenig direkt kommuniziert werden konnte, beschloss ich einen leisen, einen "französischen Abschied". So war meine letzte offizielle Ansage am 7. Spieltag der Saison 20/21, lt. WFV Spiel Nr. 56, beim Heimspiel am 18.10.2020, am Geburtstag von Chris Haamann, gegen die Zweite von Salamander Kornwestheim. Das Spiel endete 1:1, und der letzte Spielername, den ich durchs Mikro schrie, war Predrag Sarajlic, Torschütze zum verdienten Ausgleich. Ich hoffe, jemand hat das aufgenommen, es wird ein unschätzbares Tondokument ! Zu Beginn der Saison 2021/22 riss ich mich zum 1. Spieltag der Kreisliga A noch einmal zusammen und stapfte, bis unter die grauen Haarspitzen motiviert, aufs Gelände, um "meinen" TSV gegen Aldingen II anzusagen. Leider fehlte ein Kabel, die Jungs von der Technik hatten wohl nicht mehr mit mir gerechnet.

Da nicht nur "mein" Grünbühl gerade umgebaut wird, sondern auch der TSV, wie die Jahreshauptversammlung im März beschied, wird die Zukunft mit neuen, frischen Gesichtern in Angriff genommen. Wir haben eine Zeitenwende, und der Nachwuchs muss an die Macht – und ans Mikro !

Einem Nachfolger, falls sich einer traut, wünsche ich, was ich genießen durfte: Akzeptanz und Verständnis. Und seid bitte fair zum Neuen, lasst ihn sein Ding machen. Jeder geht diese Aufgabe anders an, es wird schon, bei mir war auch nicht alles perfekt. Verlassen kann er sich auf jeden Fall auf Eddy und Björn, die Jungs von der Technik, bei denen ich mich vielmals bedanke, weil meine Sonderwünsche erfüllt und mein Mikrofonständer wunderbar gepflegt wurde.

Da ein Leben ohne Fußball möglich, aber sinnlos ist, werde ich bei "meinem" TSV weiterhin präsent sein, sei es als Fahrer des Pressewarts oder als Hobbyfilmer ! Vielleicht mache ich beim Sport im Park mit ! Gelegentlich werde ich zur "spitzen Feder" greifen und im "sport info" Spuren hinterlassen.

Also, meine lieben Grünbühler, hört auf den Stadionsprecher und lest weiterhin "sport info", Grünbühls größte und einzige Sportzeitung, bereits im 37. Jahrgang. Lest Fakten, Fakten, Fakten über Ereignisse im Verein, also Abenteuer, Sex und Crime – lest "sport info" ! Alles andere ist Schnulli-Bulli !

Euer Charles B. Jakob



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Aktualisierung:25.09.2023